Nahostkonflikt

Hinsehen, wo andere wegschauen: Wie die Densbürerin Pia Tschupp das Westjordanland erlebt hat

Die Densbürerin Pia Tschupp war als Menschenrechtsbeobachterin im Westjordanland. In einem Buch berichtet sie über ihre Eindrücke.

Vor drei Jahren wusste Pia Tschupp nur wenig über den Nahostkonflikt. Halt gerade das, was man in der Schweiz so mitbekommt. Heute liegt im Gang ihres alten Bauernhauses mitten in Densbüren ein Stapel Bücher, Titel: «Eine Geige für Palästina». Die pensionierte Primarlehrerin hat darin ihre Erlebnisse als Menschenrechtsbeobachterin im Westjordanland beschrieben.

Drei Monate wortwörtlich zwischen Palästinensern auf der einen und israelischen Siedlern sowie Soldaten der Israel Defense Forces auf der anderen Seite. Drei Monate Olivenhaine, Checkpoints und Maschinengewehre, drei Monate Begegnungen mit Menschen im Ausnahmezustand – viele prägende Erlebnisse, die ein Ventil suchten und es im Buch fanden. «Die Situation der Palästinenser hat mich sehr berührt», erklärt die 70-jährige Mutter zweier erwachsener Söhne.

Kindheit «wie in einem Gotthelf-Film»

Aufgewachsen ist Pia Tschupp auf einem Mühlauer Bauernhof, in einer Grossfamilie. «Wir mussten viel mithelfen, hatten aber auch unsere Freiheiten – ein bisschen wie in einem Gotthelf-­Film.» Manchmal, wenn Pia auf dem Feld stand und in den Himmel blickte, sah sie die Flugzeuge, träumte vom Reisen. Zuerst musste sie aber nach Wohlen ins Lehrerseminar. «Meine Eltern haben beschlossen: Wenn das Meitli so ring lernt, dann wird es Lehrerin. Mir war das recht: Erstens war es damals ein Privileg, weiter zur Schule gehen zu können. Und zweitens bin ich heute mehr als froh, durfte ich diesen Beruf ausüben.» Mit dem Beruf kam das ausgiebige Reisen, gerne auch an unkonventionelle Orte: «Neugierde ist für mich etwas vom Schönsten. Immer noch.» In den 1970er-Jahren unterrichtete Tschupp zweieinhalb Jahre an einer Schweizer Schule in Westafrika Kinder von niedergelassenen Europäern. «Mit der Swissair wurde sämtliches Material eingeflogen, von den Lehrmitteln des Kantons Zürich bis zu den Bleistiften. Es ist schön, in einem fremden Land zu sein und eine Aufgabe zu haben. Man fühlt sich dann zugehörig.»

Internationale Präsenz, um Bevölkerung zu schützen

Nach Afrika hat es Tschupp später nicht wieder verschlagen. Dafür in die USA, nach Indien, Australien, oft im Zusammenhang mit Musikprojekten. Tschupp spielt Violine und Bratsche. 2016 führte sie die Musik erstmals nach Palästina – «und ich hatte einfach das Gefühl, da müsse ich nochmals hin». Durch Zufall wurde sie auf Peace Watch Switzerland aufmerksam. Die Organisation entsendet unter dem ­Patronat des Hilfswerks Heks und des Evangelischen Kirchenbundes Menschenrechtsbeobachter in verschiedene Krisengebiete. Es geht darum, zum Schutz der Zivilbevölkerung internationale Präsenz zu markieren.

Pia Tschupp (70) wohnt im Densbürer Müli-Quartier.

Nach einem halben Jahr Vorbereitungszeit sass Pia Tschupp im Flugzeug. Im Gepäck eine Geige, gespendet von einer Schweizerin aus der Region, zu Gunsten junger Musiker in den besetzten Gebieten.

In Palästina war Tschupp in einem kleinen Team unterwegs. Sie besuchten Schulen. Besichtigten eine Moschee, auf die ein Brandanschlag verübt worden war. Sprachen mit Opfern von Misshandlungen. Begleiteten Palästinenser bei der Arbeit auf dem Feld, damit sie keine Attacken von Siedlern fürchten mussten. So schildert es Tschupp im Buch. Selbstverständlich sind die ­Densbürerin und ihre Gruppe unbewaffnet. Nur eine einfache Stoffweste mit Logo weist sie als Menschenrechtsbeobachterinnen aus. Das hilft. «So tritt man in erster Linie als ‹Internationale› auf. Und diese werden in aller Regel nicht angegriffen.»

‹Besetzung› muss man aushalten können

Mehr als Präsenz zeigen, dokumentieren und informieren liegt nicht drin – aber es reicht oft. Selbst wenn da zuhauf israelische Soldaten mit Maschinengewehren stehen. «Manchmal hatten wir sogar dieselben Aufgaben wie sie, haben zum Beispiel Schulkinder begleitet, damit sie keine Steine gegen Autos mit israelischen Nummernschilder werfen.»

Hat ihr die beklemmende Situation nie Angst gemacht? Tschupp hört die Frage nicht zum ersten Mal; natürlich nicht. Und doch denkt sie einen Moment darüber nach. «Wir haben den Palästinensern Sicherheit vermittelt, und sie uns. Natürlich wird einem mulmig, wenn man zum ersten Mal erlebt, was ‹Besetzung› im Alltag bedeutet. Das muss man aushalten können. Ein einziges Mal schlief ich nicht alleine im Parterre unserer Unterkunft, sondern in der Stube im ersten Stock, nahe bei den Kolleginnen. Das war, als ein Mann in Jerusalem einen israelischen Soldaten niedergestochen hat. Er kam aus dem Nachbardorf und hatte denselben Nachnamen wie unser Chauffeur. Deshalb war nicht auszuschliessen, dass in der Nacht unser Haus durchsucht würde. Wir hatten die Taschen für eine Evakuation gepackt. Passiert ist jedoch nichts.»

Leser wollen ihre Geigen spenden

Am Ende ihres zwölf Wochen dauernden Einsatzes war Pia Tschupp zwar müde. «Und doch wäre ich gerne noch länger geblieben – ich fühlte mich, als würde ich gerade erst verstehen, was passiert.» Zurück im Densbürer Müli-Quartier hat sie das Buch «Eine Geige für Palästina» geschrieben. Publiziert wurde es Anfang Mai – «und bereits haben sich zwei Personen gemeldet, die ein Cello und eine Geige für Palästina spenden wollen – ist das nicht erstaunlich?»

Das Werk wird auf Englisch übersetzt, eine Buchhandlung in Jerusalem will es ins Sortiment aufnehmen. Neben Tschupps Schilderungen ihrer Erlebnisse enthält das Buch auch zahlreiche Fotos, Lyrik sowie die wichtigsten Informationen zur Entstehung und zum Stand des Nahostkonflikts. Das Vorwort verfasste Jochi Weil, ein jüdischer Friedensaktivist. Er schreibt: «Pia Tschupps Sichtweise ist einseitig, solidarisch mit den unterdrückten, oft auch gedemütigten Menschen in Palästina. Das sind natürliche Reflexe, adäquate Reaktionen auf Ungerechtigkeiten.»

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